Wunder unserer Zeit


 

Emotionen und Erinnerungen bedingen einander. Je stärker das Gefühl zu etwas empfunden wird, desto nachhaltiger ist die Erinnerung daran. Besonders junge Menschen verinnerlichen auf Grundlage ihrer Gemütsregungen Begebenheiten, da das Gehirn während der Entwicklung darauf aus ist,miteinander vergleichbare Informationen zu schaffen.
Diese dienen letztlich dazu, das eigene Weltbild zu formen. Man könnte es auch als die Brutstätte der Glaubenssätze bezeichnen.
Ich denke, dass es sehr wichtig für uns alle ist, sich so oft als möglich darauf zu besinnen, wie wir selbst einst die Welt als Heranwachsende wahrgenommen und verinnerlicht haben. Und das hat einen sehr guten Grund.

Die Wahrheit über den Nikolaus

Wir alle sind schon mal in irgendeiner Weise mit der Geschichte des Heiligen Nikolaus in Berührung
gekommen. Gerade in Kindertagen werden wir hier zu lande mit jenem Wundertäter bekannt gemacht, der
zumindest in unseren Breitengraden einen ganz wesentlichen Einfluss auf unsere Vorstellungkraft hat. Dabei
spielt es gar keine Rolle, ob wir mit der Überlieferung in einem historischen oder kirchlichen Kontext in Kontakt gelangen.
Da ist dieser alte Herr, der dem Weihnachtsmann einer zuckrigen Limonade fast bis aufs Haar gleicht und dessen Leidenschaft es offensichtlich ist, Mädels und Jungs kleinere oder größere Gaben zu bringen.

Was haben wir uns als Kinder darauf gefreut, am Vorabend des Feiertages einen möglichst
großen Schuh vor die Türe zu stellen, in der Hoffnung, dass dieser am kommenden Morgen zum überbersten gefüllt sein möge. Viel mehr noch: Der Nikolaus war der Vorbote zu einem
noch größeren Ereignis. Seine kalendarische Existenz kündigte das nahe Weihnachtsfest
an. Das Warten auf den einen großen Abend würde bald ein Ende haben.
Mamas, Papas, Onkels und Omas – die gesamte Verwandtschaft war darauf bedacht, dass
wir unseren Glauben an den Nikolaus aufrecht erhielten. Doch irgendwann kam der Moment,
in welchem sich Zweifel breit machten. Entweder wusste ein Klassenkamerad zu berichten,
dass der heilige Mann gar nicht existieren würde. Andere Leidensgenossen beobachteten
einen Familienangehörigen, der sich in einer meist unwürdigen Verkleidung daran machte,
die Schuhe zu befüllen.
Ganz hartnäckige Fälle wurden von den Eltern selbst mit einer Realität bekannt gemacht, die
man lange versuchte zu verdrängen.

Bitter bis freundlich

Holler boller Rumpelsack,
Nikolaus trägt ihn huckepack.
Weihnachtsnüsse gelb und braun,
Runzlig, punzlig anzuschau’n.
Knackt die Schale, springt der Kern
Weihnachtsnüsse ess ich gern.
Komm bald wieder in dies‘ Haus
guter alter Nikolaus.

Wenn Sie dieses Gedicht gelesen haben, mögen Sie sich vielleicht fragen, warum diese Ikone einer unwiederbringlichen Vergangenheit, offensichtlich dennoch eine so große gefühlsmäßige Wirkung bei
uns Erwachsenen auslösen kann?
Nun, wie Sie wahrscheinlich noch wissen,sind gerade unsere Emotionen hierfür verantwortlich. Einmal angetriggert, veranlasst das neuronale Netzwerk in unserem Gehirn eine nahezu unauslöschliche Erinnerung. Und so kommt es, dass alleine die Nennung des Heiligen bei so vielen Menschen ein Lächeln in deren Gesicht zaubert.
Der Gedanke an eine unbegrenzte kindliche Geborgenheit, das wohlige Gefühl dem Paradies auf Erden zu begegnen, lassen uns urplötzlich wieder in unsere eigene Vergangenheit reisen.
Nur wenigen Bewohnern des westlichen und östlichen Kulturkreises mag diese geradezu nikolausige Mischung aus Märchen und Mythos – diese Gemengelage aus Fiktion und Realität – als ein sentimentales Memento an eine infantile Lebensphase erscheinen.
Die meisten Menschen sind irgendwie froh darüber, dass eine inzwischen über 1500 Jahre alte Tradition bis heute überdauert hat. Vielleicht auch, weil der alte Mann so einiges über sich ergehen lassen musste.

Legendäre Überhöhung, frömmste Inbrunst, kitschigste Verniedlichung und eine gnadenlose Vermarktung, alljährlich millionenfach aufmarschierender Schoko-Nikoläuse in den Supermarktregalen machen dem Nimbus des Festes ebenso zu schaffen, wie pädagogische Instrumentalisierung, folkloristische Einvernahme und werbemäßige Trivialisierung.
All das hat der gute Nikolaus jedoch fast unbeschadet überstanden. Wie auch immer das geschehen konnte. Denn schließlich gibt es ja auch noch die Wissenschaft, die so mancher Überlieferung mit ernüchternder Beweisführung das Wasser abgegraben hat. Und somit heißt es nun vollends den Tatsachen der geschichtlichen Irrungen zu begegnen.

Sie müssen jetzt ganz stark sein

Ihnen lieber Leser sei gesagt, dass es den Nikolaus selbst als historische Figur wohl kaum gegeben hat. Aus der Traum! Vorbei! Finito la musica!
Alles, was sich die Erwachsenen diesbezüglich ausgedacht haben, als wir selbst einst Kinder gewesen
waren, entspringt einem Irrtum. Alle Bemühungen, welche wir heute unternehmen, um in unseren Kindern den
Glauben an den rauschbärtigen Mann aufrecht zu erhalten, beruhen auf den gleichen falschen
Vorstellungen. Wie kann das sein? Jener Brauchtum, der sich um die Figur des heiligen Nikolaus rankt, hat aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Ursprung im 6. Jahrhundert. Der Name wird in einigen Legenden aus der damaligen Zeit verschiedentlich erwähnt. Kritische Textanalysen lassen uns aber wissen, dass diese legendäre Figur fiktiv ist.

Unser historischer Nikolaus ist nichts anderes als die Verschmelzung von mindestens zwei Personen: dem Bischof Nikolaus von Myra im kleinasiatischen Lykien, welcher wahrscheinlich im 4. Jahrhundert lebte und dem gleichnamigen Abt von Sion, der Bischof von Pinora war und am 10.Dezember 564 n. Chr. in Lykien starb.
Aus diesen beiden historischen Personen erwuchs die fiktive Figur des übermächtigen und wundertätigenBischofs von Myra.
In der Hagiographie – also der Lebensbeschreibung von Heiligen – ist das keine Seltenheit.
Der Philologe und Nikolaus-Forscher Gustav Anrich (1867-1930) sagte hierüber: „Es kann einen Bischof namens Nikolaus gegeben haben, es kann derselbe sogar große Bedeutung für seine Heimat gehabt haben. Es kann auch der 6. Dezember der Tag seines Todes oder seiner Beisetzung gewesen sein. Das alles sind Möglichkeiten, denen man sogar eine gewisse Wahrscheinlichkeit wird zugestehen können. Weiter ist nicht zu kommen.“

Trau Dich und zieh den roten Mantel noch mal an!

Möglicherweise wussten Sie schon um die historischen Hintergründe, die zur uns bekannten Nikolaus-Sage führten. Vielleicht fragen Sie sich aber auch, was das Ganze überhaupt soll? Denn schließlich ist es ja gerade die vorweihnachtliche Zeit, die Menschen näher
zusammenrücken lässt, den Kindern die erwartungsfrohe Freude ins Gesicht zaubert und uns selbst wieder an jene Tage zurückdenken lässt, in denen wir selbst mit hoffnungsvollem Blick beispielsweise am Morgen des 06. Dezember aus dem Bett gestiegen sind.

Sie haben völlig recht. Es ist nicht immer von Bedeutung, ob wir in Glaubensfragen den Ansichten der Wissenschaft folgen wollen oder eher nicht. Viel wichtiger ist es, dass diese (kulturellen) Überlieferungen in jedem von uns einen Schatz hinterlassen haben, zu dem wir jederzeit Zugang haben. Diese Kostbarkeit ist elementar für unser Denken, da sie die wichtigste Eigenschaft des menschlichen Geistes schult: Unsere Kreativität.

Geschichten, Mythen, Erzählungen oder auch Sagen regen unsere Fantasie an. Fantasie aber ist der
Schlüssel zu einem lösungsorientierten Denken. Und wer würde bestreiten wollen, dass dies in unserer heutigen Zeit nicht von Belang wäre?
Trainieren wir unsere Kreativität, haben wir es leichter, unser Leben zu gestalten. Denn divergentes Denken, wie es auch genannt wird, unterscheidet sich maßgeblich von einer eingleisigen und rein schlussfolgernden Geistesausrichtung. Kreative Menschen verfügen über Eigenschaften, die in zunehmenden Maß von einer modernen Gesellschaft gefordert werden. Sie können sich leichter auf neue Situationen einstellen, indem sie improvisieren. Sie verfügen meist über eine ausgeprägtere Sensibilität in den Bereichen der Wahrnehmung und der Problemlösung. Darüber zeichnen sie sich oft durch ein besseres Sozialverhalten aus. Das Neue reizt sie und sie zeigen die Bereitschaft, sich Dinge in einem anderen Licht vorzustellen. Sie sind häufig spontaner als andere und
verfügen über den Mut, sich anders zu geben. Ihre Chance, sich im Leben weiterzuentwickeln ist größer.

Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass wir die Fantasie unserer Kinder so gut es geht bereichern. Es ist wesentlich, dass wir sie auf den Gebieten der Kreativität schulen und trainieren. Fühlen, Sehen, Hören, Riechen und Schmecken erlauben ihnen Erfahrungen zu machen, die das funktionale Zusammenspiel der beiden Gehirnhälften fördert und damit das Schöpferische wachsen lässt. Daher ist die Weihnachtszeit so kraftvoll, was das Anregen der kindlichen Fantasie angeht. Kaum eine Figur ist dafür so gut geeignet, pure Freude mit kreativer Leidenschaft zu verbinden, wie der Nikolaus.

Dieser Blogbeitrag möchte ein Appell an Sie sein, die vorweihnachtliche Zeit und dieFeiertage gemeinsam mit Ihren Kindern zu genießen. Es ist ganz gleich, ob Sie als Lehrer in einer Schule oder als Erzieher in einem Heim arbeiten und/oder stolze Eltern sind – feiern Sie diese Zeit! Dieses Miteinander ist so viel wertvoller, als jede Hausaufgabe oder Klassenarbeit. Trauen Sie sich und beschenken sich damit auf diese Weise auch noch selbst.

Ich möchte dieses Schreiben mit einer kleinen Geschichte beschließen, die weniger weihnachtlich ist, aber umso mehr die obige Aussage bezüglich der Kreativität untermauert. Denn Kreativität bedeutet gleichfalls, dass wir einer Sache mit Freude begegnen.
Ich wünsche Ihnen von Herzen eine erlebnisreiche und fantasievolle Weihnachtszeit. Ich
freue mich, Sie im kommenden Jahr wieder gesund und munter begrüßen zu dürfen.

Das Trampolin

Es geschah an einem schönen Tag im Jahr 2013, irgendwo zwischen Himmel und Erde.
Pünktlich um sechs Uhr morgens betrat der liebe Gott den kleinen Empfangssaal, um die
Neuzugänge zu begrüßen. Ein halbes Dutzend Frauen und Männer warteten mit gespannter
Neugier auf ihn. Sie alle waren in der Nacht zuvor gestoben und sollten Rechenschaft ablegen über ihr
Leben, beziehungsweise darüber, was sie aus ihrem Leben gemacht hatten.

„Nun ihr Lieben“, sprach Gott, „was habt ihr Gutes zu berichten?“
Als erster trat ein kleiner grauer Mann vor. „Ich habe meine Steuern immer pünktlich bezahlt,
das Finanzamt hat sich nie über mich beklagt. Ich glaube, ich hätte ein Plätzchen im Himmel
verdient.“
„Und ich“, meldete sich seine Nachbrain zu Wort, eine Frau mit dünnen Lippen und spitzer
Nase, „ich habe mein Leben lang keinen Tropfen Alkohol angerührt und erst recht keine
Männer. Ich will daraus zwar keine Ansprüche ableiten, aber …“
„Papperlapapp“, unterbrach sie ein dicker rotgesichtiger Mann. „Das Einzige, worauf es
ankommt ist Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Ich habe so schwer geschuftet, dass ich mit
vierzig meinen ersten Herzinfarkt hatte! Wenn ich nicht in den Himmel komme, wer dann?“

„Das werden wir später sehen“, sagte der liebe Gott, offenbar so gar nicht zufrieden mit
diesen Auskünften. „Zahlungsmoral, Entsagung, Arbeitseifer – soll das alles sein, was auf eurem Grabstein
steht? Ist das, das ganze Ergebnis nach all den Jahren? Wo bleibt das Glück? Wo die Liebe?“
Da fiel sein Blick auf eine hochgewachsene Frau, deren Gesicht trotz tausend Falten ihre
frühere Schönheit erkennen ließ.
„Du warst doch verheiratet“, wandte Er sich an sie. „Wie war deine Ehe?“

„Ach Gott, ja“, erwiderte sie mit einem Schulterzucken, es gab sicher bessere Männer als
meinen Walter. Aber immerhin brachte er das Geld nach Hause.“
„Nun ja Elisabeth, Du warst auch nicht große Los“, brummte ihr Mann, ein älterer Herr an
ihrer Seite, „aber immerhin hat der Service geklappt. Es hätte schlimmer sein können“,
schloss er mit einem Seufzer.

Da platze dem lieben Gott der Kragen. „Gütiger Himmel!“, polterte Er. „Das ist ja nicht zum
Aushalten! Wozu habe ich euch das Leben geschenkt? Damit ihr Trübsal blast? Euch mit
dem Zweitbesten begnügt? Eure Zeit totschlagt, statt sie zu nutzen und zu genießen?“

Betroffen senkten die Neuankömmlinge die Köpfe.
„Mehr war nicht drin, Chef“, maulte der dicke rotgesichtige Mann.
„Außerdem“, assistierte ihm die Frau mit den dünnen Lippen, „seit wann lebt man zu seinem
Vergnügen?“

Der liebe Gott überhörte die Einwände.
„Was soll ich nur mit euch machen?“, murmelte er und kraulte nachdenklich seinen Bart.
Dann hellte sich plötzlich seine Miene auf. „Ich werde euch eine Aufgabe stellen. Wenn ihr
die schafft, sollt ihr eine neue Chance bekommen.“

Aufgeregte fragen wurden laut. „Eine Aufgabe?“ – „Haben wir nicht schon im Leben lange
genug geschuftet?“ – „Was für eine Aufgabe denn jetzt noch?“

„Ich möchte, dass jeder von euch einen Freudensprung macht. Ich möchte, dass ihr zehn
Meter hoch springt!“

Jetzt schlug die Aufregung in Empörung um.
„Zehn Meter?“ – „Unmöglich!“ – „Nicht in unserem Alter!“
„Warum eigentlich nicht?“
Due Rufe verstummten. Alle drehten sich zu einer Frau mit hellen blauen Augen herum, die
bislang noch nicht gesprochen hatte.
„Ich meine“, sagte sie, „wenn wir ein Trampolin hätten, könnten wir es vielleicht schaffen.“
„Ein Trampolin?“, rief der kleine graue Herr. „Das wäre Betrug!“
„Warum Betrug?“, wollte die Frau mit den blauen Augen wissen. „Hat jemand gesagt, dass
Hilfsmittel verboten sind?“ Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da stand ein neues, großes Trampolin in der Mitte des Saals. „Sehen Sie, man scheint nichts dagegen zu haben!“
„In der Tat, damit könnte es klappen“, sagte der rotgesichtige Mann und machte Anstalten
auf das Trampolin zu klettern. Doch plötzlich verharrte er in der Bewegung. „Mist! Geht doch
nicht! Die Decke ist höchstens sechs Meter hoch.“ Alle Augen wanderten in die Höhe.
„Stimmt“, sagte die Frau mit den blauen Augen. „Aber na und? Dann müssen wir eben ein
Loch in die Decke sprengen!“
„Ein Loch in die Decke? Das ist ja total bescheuert!“
„Bescheuert? Vielleicht – aber nicht unmöglich!“
Und wieder hatte die Frau mit den blauen Augen noch nicht richtig ausgesprochen, als es in
dem Gemäuer zu knacken und zu rucken begann.
Im nächsten Moment barst die Decke entzwei und sie schauten hinauf in den weiten, offenen
Himmel.
„Na los, worauf warten wir noch?“
Die Frau mit den blauen Augen machte den Anfang, und es dauerte keine fünf Minuten, da
hüpften alle zusammen auf dem Trampolin. Zehn, zwanzig – ja sogar fünfzig Meter hoch. Die
Grenze bestand lediglich aus dem weiten offenen Himmel.

„Na also“, sagte der liebe Gott. „ Endlich habt ihr es kapiert! Geht nicht, gibt’s nicht!“
Und mit einem zufriedenen Lächeln fügte er hinzu: „Zur Belohnung dürft ihr noch einmal leben. Aber diesmal richtig, wenn ich bitten darf!“

[aus: Träume wagen! Von Thomas Baschab – Verlag: Droemer Knaur]

Quellen:

 

 

 

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