Ein schwieriger Fall: der Osterhase 2


In unserem letzten Beitrag haben wir einmal einen elementaren Blick auf das Thema Motivation geworfen. Dabei konnten wir feststellen, dass sich besagtes Anreizsystem zwar grundlegend positiv auf das Lernen auswirkt, jedoch nicht immer einfach oder gar dauerhaft zu erreichen ist. Ferner durften wir erkennen, dass das Lernen in seiner Gesamtheit wesentlich mehr sein sollte, als das blose Aneignen schulischen Wissens. Der wohl entscheidende Punkt aber ist, dass Motivation lediglich dann zu nachhatligen Erfolgen führt, wenn sie als Bestandteil der eignen inneren Wahrnehmung agiert (intrinsische Motivation). Im Letzteren begründet die sich immer wiederholende Forderung, dass Motivation – oder auch interessenbasiertes Lernen – die Basis in der Aus- und Fortbildung unserer Kinder sein sollte. Wir alle wissen aber, dass alle Theorie grau ist und sich die Praxis meist anders darstellt. Wir möchten uns daher in diesem Newsetter dem Thema einmal von einer anderen Seite her nähern und uns fragen, wie Motivation ausgelöst werden kann. Welche weiteren Faktoren spielen dabei eine Rolle und wie können Sie und Ihre Familie davon profitieren?

Daher:
Schauen wir doch einfach mal, was der Osterhase mit der ganzen Sache zu tun haben kann und wieso er seinen Job eigentlich gar nicht machen würde wollen.

Der Osterhase in Erklärungsnot

In wenigen Tagen ist es wieder so weit: Wir feiern das Osterfest. Dieser Brauch beruht im Großen und Ganzen auf einer christlichen Tradition und hat in unserer Gesellschaft einen beständigen Platz eingenommen. Wie so häufig in der Geschichte des Christentums, bediente sich die Kirche heidnischer Bräuche, um die Akzeptanz der Glaubenslehre unter den Menschen zu erhöhen. [Hier sei jedoch auch die Anmerkung erlaubt, dass dieser Schachzug nicht eine Erfindung des Christentums gewesen ist oder gar ausschließlich von Christen betrieben wurde. Derartige Vorgehensweisen finden sich schon in der frühen Kulturgeschichte der Menschheit und sind im Weiteren von nahezu allen Religionsgemeinschaften vollzogen worden.]

Um beim Beispiel des Osterfestes zu bleiben, lassen sich gleich zwei markante Symbole ausmachen, deren Ursprung alles andere als christlich ist: der Osterhase und das Osterei.

In den deutschsprachigen Ländern und in den Niederlanden suchen Kinder bunt gefärbte Ostereier, die zuvor von einem bemerkenswerten Wesen eigens für diesen Zweck versteckt worden sind: dem Osterhasen.

Hier sind aus rein rationaler Sicht gleich zwei Dinge äußerst bemerkenswert:
Da wären zunächst die gefärbten Hühnereier. Auch wenn es immer wieder durch Futterbeimischungen in einem gewissen Rahmen gelungen ist, Hühnereier in anderen Farbtönen zu erhalten, so sind uns doch gemeinhin eher die in ihrer Erscheinung weißen oder braunen Eier bekannt.

Als Zweites tritt zudem auch ein bekanntes Fabelwesen in diesen Tagen ins Rampenlicht. Bepackt mit einem riesigen Korb voller bemalter Eier, macht sich Meister Lampe auf den Weg, um diese und andere kleine Freuden an den ungewöhnlichsten Stellen zu verstecken. Diesen ganzen Aufwand scheinen Hühner und Hasen gleichermaßen nur aus einem einzigen Grund zu tun: Unseren Kindern Freude zu schenken.

Lassen Sie uns an dieser Stelle die Sache einmal wortwörtlichbetrachten und ein wenig provozierend fragen: „Warum in aller Welt, sollten einmal im Jahr, Hühner und Hasen derartige Anstrengungen unternehmen? Worin würde sich die Motivation der (vermenschlichten) Tiere für eine derartige Handlung begründen, wenn sie denn wirklich in der Lage wären, selbstbestimmt zu agieren?
Die Antwort ist denkbar einfach: Hierfür gäbe es aus Sicht unserer tierischen Ostererfüllungsgehilfen nicht den allerkleinsten Anlass.

Bevor Sie jetzt der Annahme verfallen könnten, dass wir beim IPE den einen oder anderen Eierlikör zu viel genossen haben, sei Ihnen versichert, dass dem keineswegs so ist. Uns ist bewusst, dass gerade der Osterhase und das Osterei ursprünglich Fruchtbarkeitssymbole einer heidnischen Kultur gewesen sind, welche der altgermanischen Göttin Ostera zugeschrieben werden.

Jedoch um sich dem Thema der Motivation einmal von einer anderen Seite zu nähern, eignen sich diese Symbole bestens.

Leistungsstreben = Streben nach Leistung

Entwicklungshistorisch liegt der Motivation das Bedürfnis des Überlebens zugrunde. Da wären beispielsweise die Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse, wie Hunger und Durst. Aber auch die Entscheidung, sich in einer Kampfessituation dem Gegner zu stellen oder besser die Flucht als Lösungsweg zu wählen, gehörte zu solchen Anreizsystemen. Diese Notwendigkeiten veranlassten das Gehirn, ein komplexes Belohnungssystem, welches im Wesentlichen auf der Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter beruht, zu entwickeln. Allen voran sei hier das Dopamin genannt, welchem noch vor wenigen Jahren die Eigenschaft zugeschrieben wurde, im Falle eines Erfolges für das damit einhergehende Glücksgefühl zu sorgen.
Heute formuliert die Fachwelt die Bedeutung des angeblichen Glückshormons etwas zurückhaltender. Fakt aber scheint zu sein, dass die Ausschüttung von Dopamin die Hürden für einen Handlungsreiz erheblich senkt.

In unserer modernen Gesellschaft sind die ursprünglichen Motivatoren nicht mehr gegeben oder spielen eine eher untergeordnete Rolle. Dafür sind andere entstanden. Gute Noten in der Schule oder der Erfolg im Berufsleben gehen meist mit einer Form von Anerkennung einher, welche sich wieder reflexiv auf unser Gefühlsleben auswirkt. Das Streben nach bestimmten Zielen ist also nichts anderes, als den tiefverwurzelten Wunsch zu erfüllen, sich selbst durch äußere Anreize in eine positive Stimmung zu versetzen.

Um an dieser Stelle auf die Eiersuche zu Ostern zurückzukommen:
Wenn Sie sich selbst einmal an Ihre Kindheit erinnern möchten, so kann es sein, dass Sie noch die Bilder vor Augen haben, als Sie Ihr Osternest nach langer Suche gefunden hatten. Wie unsere Kinder heute auch, dürften auch Sie damals voller Freude und Stolz Ihren Fund der Familie präsentiert haben. Wir haben es also mit gleich zwei Motivatoren zu tun: dem Lob und die Anerkennung durch uns nahestehende Personen und den Süßigkeiten, welche wir für unsere Mühen behalten durften.

Damit wäre also schon mal geklärt, weshalb Huhn und Osterhase nicht die geringste Veranlassung hätten, sich für unsere symbolbehafteten Vorlieben zu engagieren. Sie erhalten weder eine Form der Anerkennung, noch belohnt man sie für ihr Tun.  😛

Mein Wille geschehe – Deiner kann mir egal sein

Allein das Wissen um das weite Feld der Motivation reicht leider nicht aus, um selbige in der Praxis auch zu erreichen. Denn bemerkenswerterweise hat sich unser Gehirn eine weitere  Eigenschaft angewöhnt, welche die motivierenden Faktoren einer bestimmten, individuellen Gewichtung unterwirft.Der Neuropsychologe John Salamone von der Universität Connecticut hat an Versuchen mit Ratten nachgewiesen, dass diese unter bestimmten Versuchsbedingungen selbst die herrlichsten Leckereien links liegen lassen, wenn die schnöde Nahrung auf einem einfacheren Weg zu erreichen ist. Noch schneller konnte dieses Ergebnis erlangt werden, als der Wissenschaftler gezielt das Dopaminsystem der Tiere blockierte. Die Ratten waren also (noch) weniger motiviert.

Die Bewertung von motivierenden Eigenschaften vollzieht sich bei Menschen wie bei Tieren wahrscheinlich in einem bestimmten Bereich des Frontallappens innerhalb der Hirnrinde. Wenn man diese Erkenntnisse nun auf eine alltägliche Situation eines Schülers übertragen möchte, so können folgende Beispiele den theoretischen Bewertungsprozess veranschaulichen:
Sitzt ein Schüler in seinem Zimmer, um sich auf eine wichtige Prüfung vorzubereiten und blickt währenddessen auf seinen Gameboy, welcher zahlreiche vergnügliche Spieleoptionen bereithält, dann klärt das Hirnareal, welche der beiden Beschäftigungen lohnender scheint. Dabei wird je nach Ausgangsvoraussetzung neu bewertet: Hat der Schüler beispielsweise im letzten Gamer-Wettbewerb schlecht abgeschnitten, rückt die Verlockung, die eigenen Fähigkeiten an dem Gerät zu trainieren, weiter nach oben. Andererseits kann es vorkommen, dass ein Kind, welches zuvor eine größere Menge Süßigkeiten verzehrt hat, den dargebotenen Kuchen dankend ablehnen wird.

Hieraus wird ersichtlich, dass nicht nur der Erfolg per se zu weiteren Handlungen motiviert, sondern auch der Misserfolg. Die Angst vor weiteren negativen Erfahrungen kann die betreffende Person dazu anhalten, alles daran zu setzen diese im Weiteren zu vermeiden. Und daraus resultiert, dass Motivation ein in sich wandelnder Prozess ist, der jeweils in Bezug auf das eigentliche Ziel immer wieder neu definiert wird.

Auch die Entfernung vom Ziel kann eine Motivationssteigerung bedeuten

Das allerdings trifft nur dann zu, wenn die betreffende Person auch das Gefühl hat, dieses Ziel wirklich erreichen zu können.
Wichtig an der ganzen Sache ist, dass der Schüler oder die Schülerin selbst die Zieldefinition vornimmt.

Alle äußeren Einflüsse können zwar bei der Findung des Ziels – beispielsweise die bessere Bewertung in einem Schulfach – behilflich sein, jedoch ebenso kontraproduktiv wirken. Schließlich würden wir als Erwachsene wohl auch kaum noch auf die Idee kommen, ein verstecktes Osternest zu suchen. Wir haben eben für uns, im Laufe unserer Entwicklung und in Bezug auf solche Feiertage andere Vorstellungen (Ziele) entwickelt, deren Umsetzung uns anspornt.

Daher mögen sich Erziehungsberechtigte manchmal verwundert die Augen reiben, wenn Tochter oder Sohn zwar die feste Absicht erklärten die schulischen Leistungen verbessern zu wollen, sich nun aber offensichtlich anderen Interessen widmen. In manchen Fällen kann es sogar sein, dass sich der Nachwuchs gänzlich allen guten Argumenten entzieht und sich nach außen hin völlig unbeteiligt zeigt.

Das Ziel vor Augen erleichtert den Weg

Um sich also motiviert einer Aufgabe zu widmen, bedarf es einer möglichst klaren Zielvorstellung. Erfolgreich zu sein, ist letztlich der Motor, welcher die Menschen anregt, eine Tätigkeit auch wirklich zu vollziehen. So definieren wir beispielsweise am Osterfest mit und für unsere Kinder ein klares Ziel, welches als lohnenswert empfunden wird. Meist begeben sich die Kinder dann auch voller Vorfreude auf die Suche.
Diesen Effekt kann man auch auf die alltäglichen Aufgaben übertragen. Denn schon alleine die Aussicht auf Erfolg versetzt Menschen jeden Alters in eine grundsätzlich positivere Stimmung, welche der Zielverfolgung dienlich ist.
Gerade bei älteren Kindern und Jugendlichen ist es daher empfehlenswert, sich gemeinsam mit ihnen und möglichst vorurteilslos über deren Ziele zu unterhalten. Zusammen haben Sie dann immer die Möglichkeit, Zielvorstellungen zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

IPE-Praxistipp:

  • Ermutigen Sie Ihr Kind, dass es seine Ziele schriftlich festhält. Schon alleine der Prozess des Aufschreibens verhilft zu einer konkreteren Auseinandersetzung und wirkt motivierend. Zudem sollte das Ziel fassbar formuliert werden. Statt „Ich will besser in Englisch werden“, sollte der Grad der Verbesserung notiert werden.
  • Das Ziel sollte positiv formuliert werden. Es sollte beschreiben, was Ihr Kind erreichen möchte und nicht, was es zu vermeiden gilt.
    • Falsch: „Ich will keine schlechte Bewertung in der Mathearbeit haben.“
    • Richtig: „Ich werde die Mathearbeit gut bestehen.“
  • Das Ziel muss erreichbar sein. Sich in einem Unterrichtsfach von der Note Sechs auf eine Spitzenbewertung in nur einer Woche hochzuarbeiten, ist wenig realistisch. Das Verfehlen des Ziels würde dann nicht als motivierend, sondern eher als frustrierend durch das Gehirn bewertet.
  • Auch der Faktor Zeit sollte bei der Formulierung berücksichtigt werden. Die realistische Verbesserung in einem Schulfach kann also beispielsweise über einen Zeitraum von drei Monaten anvisiert werden. Als Kontrolltermin nimmt man beispielsweise einen Elternsprechtag, bei welchem Kind und Erziehungsberechtigte gemeinsam mit dem Lehrer über die Leistungsveränderungen reden.

 

Quellennachweis:

 


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2 thoughts on “Ein schwieriger Fall: der Osterhase

  • Christine Faltis

    Ich bin Grundschullehrerin in Mecklenburg Vorpommern und unterrichte in einer Diagnoseförderklasse lern- und verhaltensauffällige Kinder. Der Beitrag ist sehr treffend. Ich kann aus Erfahrung dem voll zustimmen. Einen Hinweis hätte ich. Zum Schluss werden Praxistipps gegeben. Wikungsvoller ist es, sie ins Präsens zu setzen, also:
    Ich bestehe die Mathearbeit gut.
    Ich will besser in Englisch lernen.
    Das Futur ist Affirmationen bzw. Zielbotschaften ungünstig.
    (Die Energie verpufft im Universum.)

    • Ludger Brenner Beitragsautor

      Lieben herzlichen Dabk für den wervollen Beitrag, Frau Faltis.
      Wir werden darüber hinaus auch Ihren Hinweis bezüglich der Gegenwartsformulierung zukünftig berücksichtigen.
      Beste Grüße