Der Genius im Menschen


Selbstvertrauen ist eines der zentralen Themen in unserer Arbeit als IPE-Kinder- und Jugendcoaches.
Ein Ansatz dabei ist, den Fokus auf den natülich angelegten Forscherdrang welchen Kinder und Jugendliche dazu nutzen, ihre eigenen Potenziale zu erkennen und gegebebenfalls lösungsorientiert einzusetzen. Schon einmal stellten wir die streitbare These in den Raum, dass wir mit unserem Bildungssystemen wider der natürlichen Absicht – also dem spielerischen Trieb – menschlicher Wissensaneignung agieren, indem wir beipsielsweise unsere Kinder schon in der Vorschulzeit mit dem Erlernen einer zweiten oder gar dritten Fremdsprache behelligen. Denn nichts wirkt sich kontraproduktiver auf das Lernen aus, als vorgegebene, engmaschige Strukturen.
Bei allen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen aber stellt sich um so mehr die Frage, wie sich Intelligenz entwickeln mag oder in wie weit sich möglicherweise genetische Faktoren auf den Erfolg eines Lebens auswirken können?

Anders gefragt: Warum entwickeln sich Menschen so unterschiedlich?

Wenn Sie gerade zu denjenigen Lesern gehören, die sich für ein Weiterlesen des Artikels aufgrund der Aussage eines möglichen genetisch motivierten Erfolges oder Misserfolges entschieden haben, sei Ihnen herzlich gratuliert. Sie gehören damit wahrscheinlich zu der Mehrheit. Denn damit ist klar, dass die augenscheinlich fett gedruckte Fragestellung in der Einleitung zunächst in den Hintergrund des allgemeinen und damit auch Ihres Interesses gerückt ist. Ich gestehe daher besser gleich zu Beginn, dass ich Sie verbal ein wenig beeinflusst habe.  😉

Innerhalb der menschlichen Wahrnehmung und deren Interpretation liegen je nach Gesellschaft – also den soziologischen und soziodemografischen Faktoren – Ähnlichkeiten, die mit unserer Konditionierung zu tun haben. Und das wiederum bedeutet, dass beispielsweise in Hinblick auf das Wort „Erfolg“ mit mehrheitlich vergleichbaren Reaktionen zu rechnen ist.

Das wird meist etwas anschaulicher, wenn wir uns auf das große Gebiet der Musik einlassen. Vielfach meint ja die Aussage, Musik sei eine universelle, ja weltumspannende Sprache sei, die von jedem zu einem bestimmten (einheitlichen) Grad verstanden und auch interpretiert werden könne. Nun, diese These ist so falsch, wie die Aussage, dass Elefanten und Mäuse von gleicher Größe, Statue oder Gewicht seien. Jenen beiden animalischen Exemplaren ist bestenfalls gemein, dass sie Säugetiere sind und vielleicht in ihrer farblichen Ausprägung Ähnlichkeiten aufweisen. Damit aber dürften die direkt vergleichbaren Faktoren auch schon fast erschöpft sein.

Und so ist es auch mit der Musik! Stellen Sie sich einfach mal vor – spaßeshalber können Sie dies auch einmal versuchsweise auf einer der nächsten Geburtstagspartys realisieren – sie würden den lieben langen Tag Musik aus dem Orient oder dem Fernen Osten hören. Suchen Sie sich für dieses Experiment zum Beispiel ein Video mit dem Gesang eines Muezzins heraus und hören diesem eine Weile zu.

Und obgleich der Gebetsruf der Muslime von höchster Kunstfertigkeit und von einem musikalischen Geschick ist, der den Vergleich zu einem professionellen und uns bekannten Sänger in keinster Wiese zu scheuen braucht, werden Sie vielleicht von der tonalen Abfolge und dem ungewohnt freien Rhythmus irritiert sein. Wahrscheinlich werden auch Ihre Gäste nach einer gewissen Zeit ihren Unmut über die Wahl der Musik äußern. Sobald Sie aber die Beschallung wieder auf eine Stilrichtung ändern, deren tonales System Sie gewohnt sind, dürfte auch die Zahl Ihrer Kritiker sinken. Der Grund hierfür liegt in unserem Verständnis von Musik. Wir sind eben in einem anderen – dem sogenannten abendländischen – Kulturkreis aufgewachsen. Und damit ist unser Interpretationsvermögen diesbezüglich von einer anderen Prägung.

Gleichermaßen verhält es sich mit dem „Erfolgsbegriff“, welchen ich eingangs bewusst genutzt habe. Wie auch bei der Musik ein und desselben Kulturkreises, kann es während der geistigen Verarbeitung zu den unterschiedlichsten Auslegungen kommen.

Gesellschaftliche Verantwortung

Die meisten Menschen haben von Erfolg nur eine recht ungenaue Vorstellung. Ihnen ist häufig gemein, dass es sich hierbei um eine (erhebliche) Steigerung materieller Güter oder einem gehobenen Lebensstandard handeln sollte. Andere nennen in diesem Zusammenhang ein mehr an Freizeit oder sehen darin eine uneingeschränkte körperliche Fitness. Schon alleine bei der Betrachtung dieser oberflächlichen Definitionen wird doch eines auf sehr anschauliche Weise klar: Wenn wir schon kaum in der Lage sind, unseren eigenen Begriff des Erfolges mit einer ausgereiften und detaillierten Interpretation zu beleben, wie können wir dann annehmen, dass wir dies für unserer Kinder tun könnten?
Hierbei kommt ja noch erschwerend hinzu, dass sich gerade in jungen Jahren die Definition von Erfolg schnell wandeln kann.

Wir aber betrachten gerne das Tun unserer Kinder unter einem Erfolgsaspekt, deren Anschauung unserem eigenen Erleben entstammt. Das aber führt unweigerlich zu einem Fortbestand genau diesen Erlebens in der entsprechenden Wahrnehmungswelt und Interpretation unserer Kinder. Es entstehen also unzählige Variationen ein und desselben Themas.
Daher müssen wir uns vermehrt der Frage widmen, ob dieses Modell tatsächlich zu einem freien und unbelasteten Handeln führen kann, somit also unseren Kindern all diejenigen Chancen eröffnet, die wir ihnen so gerne angedeihen lassen möchten?

Angstbehaftet

 Da ich selbst Vater bin, weiß ich, wie schwierig der Grad sein kann, elterliche Sorge ungeachtet kindlichem Erfahrungswillen miteinander in Einklang zu bringen.
Und dennoch möchte ich Sie herzlich einladen, genau dies einmal zu tun.
Wir erfahren in den Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen immer wieder, dass die Auffassung von Lernen sehr häufig angstgeprägt ist. Gute Schulbildung hat demnach meist wenig damit zu tun, dass mit ihr Chancenreichtum und Wahlmöglichkeiten einhergehen können, sondern dass bei Versagen Armut und sozialer Abstieg drohen. Der Erfolgsbegriff wird also von frühester Kindheit an mit der Konditionierung versehen: „Lerne und bringe gute Noten nach Hause oder Du wirst es einmal schwer haben.“

Sollten Sie sich jetzt möglicherweise an die eine oder andere Erfahrung aus Ihrer eigenen Jugend erinnert fühlen, möchte ich Sie abermals gerne beruhigen: Sie befinden sich wiederrum in bester Gesellschaft.

Aus neurodidaktischer und lernpsychologischer Sicht sollten diese Einstellungen baldmöglich der Vergangenheit angehören. Wir sind dazu angehalten, die (eigene) Angst zu besänftigen und so unseren Kindern die Freiräume der eigenen Erfahrung zu gewähren. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Vorsicht zur Gänze vergessen sollten, denn zu den elterlichen Aufgaben gehört es eben auch, vorausschauend zu denken und gegebenenfalls hilfreich einzuschreiten.

Denn niemand wird es beispielsweise für gut befinden, wenn das eigene Kind auf die heiße Herdplatte fasst, weil der Hinweis eines Elternteils ausgeblieben ist. Letztlich können wir aber nicht verhindern, dass trotz oder gerade aus diesem Ermahnen heraus, der Versuch unternommen wird, eben doch die Hitzequelle in einem geeigneten Moment zu berühren.

Erfahrung schafft Wissen

Wie sie sicherlich schon den Ausführungen entnommen haben, geht es uns nicht darum, mögliche Unebenheiten, denen unsere Kinder begegnen könnten, im Vorfeld auszugleichen. Wir plädieren auch nicht dafür, dass ein gewisser (schulischer) Wettbewerb abgeschafft werden sollte. Hinsichtlich der Bewertung eines Ereignisses aber sehen wir vermehrt die Herausforderung, dass Lernen und Erfahrung zu gerne voneinander getrennt betrachtet werden. Aus diesem Grund laden wir Sie immer wieder herzlich dazu ein, die Motivation und den natürlichen Forscherdrang Ihrer Kinder, wo es nur geht, zu unterstützen.

Die jüngsten Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern der Technischen Universität Dresden zeigten, wie sich Unterschiede in der kognitiven Entwicklung herausbilden.
40 genetisch identische Mäuse wurden hierzu in einem großen Käfig mit zahlreichen Erkundungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten gehalten. Und obwohl die Ausgangsbedingungen gleich waren, verhielt sich jedes Tier unterschiedlich. Einige Tiere untersuchten lebhaft ihre Umgebung immer wieder aufs Neue, während andere es beständig vorzogen, zwischen Fress- und Schlafplatz zu wandern. Am Ende des Experiments unterschieden sich die Mäuse hinsichtlich des Körpergewichtes und der Gehirnvolumina von der Kontrollgruppe, welche in einem vergleichsweise anregungslosen Käfig leben musste.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Grad der Aktivität der Mäuse eine Kongruenz zur Stärke der Ausbildung neuronaler Verknüpfungen im Gehirn zu bilden scheint. Die gemachten Erfahrungen der aktiveren Mäuse spiegelten sich somit in der Dichte neuronaler Verschaltungen wieder, was sich letztlich in der Masse des Gehirns im Ganzen zeigte.

Die spannende Frage aber ist, warum sich die Tiere – obgleich genetisch identisch und in derselben Umgebung aufwachsend – so unterschiedlich verhalten? Warum sind die Einen aktiver als die Anderen?

Die Antwort hierauf wird wahrscheinlich auch mit epigenetischen Erklärungen behaftet sein. Jedoch steht die Wissenschaft hier noch im Ungewissen. Wir wissen aber, dass bei vergleichbaren Experimenten mit Affen, dieser Effekt der Inaktivität kompensiert werden konnte, sobald man diese mit älteren Tieren zusammenbrachte. Hier was es schlicht das Prinzip des Nachahmens, welches in einer entsprechenden Umgebung dazu führte, eigene Unternehmungen und damit Herausforderungen anzugehen.
Und von unseren Kindern wissen wir, dass sie – wenn sie einmal eine motorische Eigenschaft verinnerlicht haben – diese in unzähligen Variationen immer wieder trainieren und perfektionieren werden. Was aber würde beispielsweise geschehen, wenn wir wir ihnen beim Erlernen des Radfahrens immer wieder vorhielten, dass die Straße holprig sei und nach der nächsten Kurve unheimliche Gefahren auf sie warten würden?

 

Quellenangaben:

 

 

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