Das Lachen der Seele


 

Hallo und herzlich willkommen.

Mittlerweile hat der Winter mit all seinen Facetten im ganzen Land Einzug gehalten.Morgens kann man dicke Nebelschwaden beobachten, die über die Felder wabern und sich bedächtig gegen das fahle Sonnenlicht zur Wehr setzen. Die Straßen sind gelegntlich glatt und mancher mag auf dem Weg zur Arbeit den Kragen seines Mantels hochschlagen, um sich vor der nassen Kälte zu schützen.  Auch kann dabei der Blick auf kahle Bäume fallen, auf deren Äste sich lautkrächzend Rabenvögel niedergelassen haben, die dabei das wohlbekannte Klagelied dieser Jahreszeit anstimmen. Es macht alles den Eindruck  farbloser und auch unzugänglicher geworden zu sein. Und das obgleich sich die Menschen noch vor wenigen Tagen zu einem neuen Jahr beglückwünschten. Irgenwie hat uns der Alltag wieder eingeholt und ein jeder hat seine ganz eigene Strategie, damit umzugehen.

Sofern Sie gerade den Eindruck gewonnen haben sollten, dass Ihnen die winterliche Jahreszeit gleich aus den vorliegenden Zeilen entgegenspringen könnte, dann war das nicht ganz unbeabsichtigt.  😉
Worte sind ein Schlüssel dafür, bestimmte Emotionen auszulösen. Und wie Sie wissen, bedingen Emotionen unsere Erinnerung. Dieses phantastische Phänomen möchte ich gerne mit Ihnen genauer erforschen.

Im Spiegel der Gefühle

Bitte verzeihen Sie mir, sollte ich mit der obigen Einleitung Ihre Gedanken an den Winter zu sehr Vorschub gegeben haben. Tatsächlich bin ich der Auffassung, dass auch diese Jahreszeit wunderschöne Seiten hat. Stilistisch eignen sich aber solche verbal aufgebauten Bilder bestens, um implizite Gedächtnisinhalte zu aktivieren. In der Psychologie spricht man in diesem Zusammenhang auch von dem sogenannten Priming.

Das ist kurz gesagt nichts anderes als die (bewusste) Beeinflussung von kognitiven Verarbeitungsvorgängen aufgrund eines bestimmten, vorangegangenen Reizes. Bei den Rezipienten werden dabei meist unbewusst auf der kognitiven Ebene Vorerfahrungen angesprochen, die in irgendeiner Weise mit den aufgenommenen Informationen übereintreffen. Ein solcher Reiz kann demnach ein Wort, ein Geruch, eine Melodie oder eine Geste sein. Jegliche Information, die wir über unsere fünf Sinneskanäle aufnehmen ist also geeignet, eine bestimmte Assoziation auszulösen.
Wenn wir uns dieses Wissen immer wieder vor Augen führen, bekommt das Vermitteln von Wissen eine ganz andere Gewichtung.
An dieser Stelle möchte ich noch einen Schritt weitergehen: Wir haben eine ungemeine Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen, wenn wir als Gesellschaft über die Art und Weise der Wissensvermittlung diskutieren. Wir sollten uns einfach viel mehr darüber im Klaren sein, dass jede negative Erfahrung in Konsequenz eine wenig förderliche Emotion mit sich bringt. Jede negative Emotion aber ist ein Stolperstein für den Heranwachsenden, welcher den Weg des Lernens erschwert.

Schon oft haben wir über echte oder auch ursprüngliche Motivation gesprochen, der es bedarf, Wissen ins Langzeitgedächtnis zu überführen. Diese zu erhalten und immer wieder anzuregen, sollte unser Hauptaugenmerk sein. Lassen Sie mich das mit einer kleinen Geschichte verdeutlichen:

Jedes Wort wirkt

Lara hatte den Vorlesewettbewerb ihrer Schule gewonnen und nahm drei Wochen später an der Stadtausscheidung teil.
15 Kinder gaben zwei Stunden ihr Bestes, um Vorlese-Stadtmeister zu werden.
Nach der Beratung der Jury sollte der Leiter der Stadtausscheidung nun endlich den Gewinner verkünden.

Er stand mit den Teilnehmerurkunden und der Siegerurkunde auf der Bühne und sagte:
„Also gewonnen hat – ach nein – um es spannend zu machen, rufe ich erst die Verlierer auf die Bühne. Verloren haben Niels Schuhmacher, auch verloren hat Silke Brenner, zu den Verlieren zählen Thorsten Gebhardt und Maike Schneider …“

Alle Kinder schlichen wie vom Donner gerührt nach vorn. Die Eltern versuchten irritiert die vorhin noch begeisterten Kinder würdigend zu beklatschen, aber auf der Bühne standen 14 “begossene Pudel“ und ein strahlender Sieger.

Gott sei Dank titelte eine sensible Zeitungsredakteurin am nächsten Tag auf der Lokalseite: “Sieger sind sie alle!“ *

Wenn wir jene 14 Einzelschicksale nehmen und uns vorstellen, wie wohl ihr weiterer Werdegang ausgesehen haben mag, so können wir davon ausgehen, dass sie zukünftig wenig Lust auf weitere Wettbewerbe gehabt haben dürften. Glauben Sie mir, den meisten Kindern macht es wirklich wenig Freude als Verlierer vor einem Publikum aufzutreten. Gerade und weil man sich ja zuvor mächtig ins Zeug gelegt hat, um Leistung zu zeigen. Bedauerlich ist, dass auf diese oder vergleichbare Art und Weise Potenziale verschenkt werden.

Je stärker das emotionale Empfinden, desto tiefer die Erinnerung!

Wenn Sie einen Menschen nach dem 11. September 2001 befragen, werden Sie mit großer Wahrscheinlichkeit sehr genaue Beschreibungen der damaligen Ereignisse in Erfahrung bringen. Jene schrecklichen Terroranschläge haben sich tief in das globale Gedächtnis eingeprägt. Fragen Sie die gleiche Person nach den Vorkommnissen des 10. September 2001, wird sich Ihr Gesprächspartner kaum mehr daran entsinnen können. Übrigens: Erinnern Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Kuss? Können Sie noch beschreiben, in welcher Umgebung diese Begebenheit stattgefunden hat? Was geschah jedoch einen Tag danach? Wissen Sie das noch? Larry Cahill vom Center for Neurobiology and Learning an der University of California in Irvine hat sich schon sehr früh mit den Relationen zwischen Emotion und Erinnerung befasst. Bereits 1996 konnte der Psychobiologe nachweisen, dass hier ein mittelbarer Zusammenhang vorliegen muss. Einer Gruppe von Probanden zeigte er jeweils zwölf emotional bewegende und zwölf neutrale Filmszenen. Mit der Positronen-Emissions-Tomographie untersuchte der Forscher währenddessen die Gehirnaktivitäten. Die Aufgabe der Versuchsteilnehmer bestand darin, sich nach Ablauf von drei Wochen an die einzelnen Sequenzen zu erinnern.

Wie schon zu erwarten gewesen ist, konnten sich die Probanden nach der vorgegebenen Zeit besser an die emotional aufwühlenden Filmszenen erinnern, als an die anderen. Schon während des Betrachtens der Kurzfilme stellte Cahill fest, dass eben jene Sequenzen eine erheblich höhere Aktivität der Amygdala hervorriefen.
Sie ist ein Teil des limbischen Systems, welches für die Bewertung von emotionalen Reizen und der Verknüpfung von Geschehnissen mit Emotionen verantwortlich ist. Wir wissen leider nicht, was in diesem Experiment mit besonders emotionalen Filmszenen gemeint ist. Schließlich konnten diese sowohl freudiger als auch beängstigender Natur gewesen sein. Für das hier dargestellte Ergebnis ist dies aber auch weniger entscheidend. Denn Sie als Leser des IPE-Newsletters wissen, dass lediglich diese beiden Motivatoren für den menschlichen Antrieb verantwortlich sind. Und beides sind letztlich stark emotional behaftete Faktoren. Erwiesen hingegen ist, dass die Amygdala gleichfalls sehr stark an Aufmerksamkeitsprozessen beteiligt ist. An dieser Stelle schließt sich der Kreis: Neugierde bedingt Aufmerksamkeit, welche wiederrum die Grundlage allen Lernens ist.

Der Wächter der Erinnerung

Mit dieser etwas poetischen Bezeichnung betiteln Wissenschaftler den sogenannten Hippocampus. Jene Hirnregion übernimmt eine entscheidende Rolle bei der Überführung  von Informationen aus dem Kurz- in das Langzeitgedächtnis. Interessant dabei ist, dass die Amygdala mit dem Hippocampus in Verbindung steht. Das wiederrum bedeutet, dass emotionale Verarbeitung nicht nur reine Herzensangelegenheit ist, sondern dass Gefühl und Gedächtnis auch im Gehirn gemeinschaftlich agieren.
Menschen, die unter einer Schädigung der Amygdala leiden, verfügen auch meist über ein unzureichend ausgeprägtes Emotionsgedächtnis. Der Psychologe Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld prägte das eingangs erwähnte Zitat: Ohne Gefühle gibt es keine Erinnerung.
Die Bewertung eines Reizes durch das Gefühlszentrum im limbischen System – sei es positiv oder negativ, wie es sicherlich beides bei dem ersten Kuss des Lebens vorkommen kann – führt zu einer vermehrten Ausschüttung bestimmter Botenstoffe. Hierzu gehören Dopamin, Serotonin oder auch das Stresshormon Noradrenalin. In Folge bewirken diese Neurotransmitter eine veränderte Zellaktivität, eben je nachdem, welche Gefühlswelten gerade angesprochen worden sind. Emotionen sind also ein entscheidender Indikator dafür, ob wir Menschen eine Information als speichernswert oder auch nicht erachten.

Wenn Kinder also als Verlierer dargestellt werden, müssen wir uns nicht wundern, wenn das Interesse an einem Fach erlischt, welches zuvor und auf natürliche Weise mit gesunder Neugierde behaftet gewesen ist.
Wenn wir Kindern und Jugendlichen beständig vermitteln, dass Lernen eine Notwendigkeit ist, um im Leben weiterzukommen, brauchen wir nicht erstaunt zu sein, wenn das Interesse an Bildung nach und nach erlischt.
Erinnerungen an die Kindheit und Jugend sind meistens besonders intensiv. Viele Erfahrungen werden zu dieser Zeit erstmalig getätigt und dementsprechend kognitiv bewertet.
Die große Chance, welche sich uns daher bietet ist, junge Menschen neugierig und geistig aufgeschlossen zu halten.

In einem unserer Beiträge haben wir einige Tipps gegeben, wie es gelingen kann Konzentration bei Kindern und Jugendlichen zu mobilisieren. Für heute möchte ich gerne mit der alleinigen Bitte enden, in Bildung und Erziehung (wieder) mehr Emotion zu zulassen.

Die überwiegende Mehrheit aller uns vorgetragenen Sorgen und Nöte haben exakt mit dem hier beschriebenen Vorgang des Speicherns von Inhalten zu tun. Haben Kinder erst einmal negative Gefühle zu einer Angelegenheit entwickelt, wird es zunehmend herausfordernder sie wieder in die eigenmotivierte Handlung zu bringen. In unseren Ausbildungen zum IPE-Kinder- und Jugendcoach gehen wir sehr intensiv auf diese Zusammenhänge und die damit verbundenen Auswirkungen ein. Die angehenden Coaches und Trainer erfahren selbst, wie bedeutend emotionales Empfinden sich auf das eigene Leben auswirkt.

Schaffen Sie daher (auch) einen Freiraum, in welchem sich junge Menschen ihrer Gefühle beispielsweise in Bezug auf ein Unterrichtsfach bewusst werden. Sie werden erleben, dass eine intensive – möglichst dissoziierte – Auseinandersetzung mit einem belastenden Thema manche mentale Einstellung gewinnbringend wandeln kann.

 

 Quellen:

 

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